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"Ich habe Deutschland vergeben" - Holocaust-Überlebender Josef Aron berichtet über sein Leben

Der 27. Januar - ein Tag, den wir alle kennen sollten und den die meisten doch verdrängen - der Holocaust-Gedenktag. Fünf Tage später, am 1. Februar, kam Joseph Aron zu Besuch an die Mildred-Scheel-Schule (MSS) und berichtete rund 100 Schülern seine persönliche Lebensgeschichte.

 

Eine wirklich tragische und traurige Geschichte, die von höchster Brutalität gezeichnet ist und mittels Arons Überzeugung dennoch Hoffnung gibt. Was den Schüler besonders im Gedächtnis erhalten blieb, waren folgende Worte: "Ich habe Deutschland vergeben".

"Ich bin in einem Deutschland aufgewachsen, dass keine Schuld trägt, aber wir haben trotzdem eine Verantwortung. Wer als Schüler nichts mehr davon hören will, ist unreflektiert, wer als Erwachsener ein Ende der Aufarbeitung fordert, ist ein menschenverachtender Idiot" - starke Worte, mit denen Katja Höhler den Vortrag einleitet, die über die Organisation "International Christian Embassy Jerusalem" Josef Aron betreut und den Kontakt zu Martin Döll, Geschichtslehrer an der MSS, hergestellt hat.

Josef Aron wurde 1935 in Frankfurt am Main in eine jüdische Großfamilie geboren. Nachdem 1939 sein Vater die Familie verließ und nach Holland flüchtete, war seine Mutter ohne Geld mit den insgesamt elf Kindern auf sich alleine gestellt. Erst zu einem späteren Zeitpunkt sollte Aron erfahren, dass sein Vater vergebens versucht, die Familie nachzuholen. Arons Mutter entschied sich daher drei ihrer Kinder - darunter Aron - nach Frankreich in ein Kinderheim zu schicken. Dies war für alle drei im Endeffekt die Rettung, denn wie auch Aron erst zu einem späteren Zeitpunkt erfuhr, wurden sowohl seine Mutter als auch seine Geschwister in Auschwitz vergast.

An einem Morgen im Juli 1942 überfielen deutsche Soldaten das Kinderheim und nahmen ihn und die anderen Kinder mit. Sie wurden in Viehwagons hineingezwängt und von Lyon nach Bergen-Belsen in Norddeutschland gebracht. Auf dieser zweitägigen Fahrt sind viele der 500 Überführten gestorben. Es gab kein Essen, kein Trinken und kaum Luft zum Atmen. Zu diesem Zeitpunkt war Aron erst sechs Jahre alt und musste zusammen mit den anderen Kindern die Toten begraben. Ein acht Stunden langer Fußweg ohne Schuhe und nur im Nachthemd führte zum Konzentrationslager. Mit auf dieser "Reise" waren seine drei Jahre ältere Schwester und ein Bruder. Bei der Ankunft wurden die Geschwister dann getrennt.

Jeden Tag mussten sich die über 1.000 Arbeiter des KZs auf dem Appellplatz aufstellen, damit sie gezählt werden konnten. Dabei hieß es keine Schwäche zeigen, denn sollte man nur einen Hauch an Ermüdung zu erkennen geben, so drohte die Erschießung. Die Arbeiter waren abgemagert, da sie kaum zu essen bekamen. Die Arbeit, die Aron verrichten musste, war schwer und nicht für ein Kind geeignet. Steine hin und her schleppen und Gleise legen zählten zu seinen Aufgaben.

Was Josef Aron im Folgenden erzählte, verursachte ein großes Schweigen im Saal der über hundert Schüler: Als er eines Tages eine Kartoffel auf dem Boden fand, die er mit den anderen hungernden Kindern teilen wollte, sieht dies eine SS-Mann und schrie mit folgendem Wortlaut: "Du dreckiger Jude! Die Kartoffel gehört dem deutschen Volk, nicht euch". Aron sollte für das Aufheben der Kartoffel bestraft werden, wie er weitererzählte. "Er sagt zu mir: Ich werde dich umbringen, du dreckiger Jude, du hast kein Recht zu leben. Ich wurde in eine unterirdische Kammer gebracht, die man für Folterungen der Häftlinge nutzte. Man band mich auf einen Tisch fest und verband meinen Mund. Daraufhin entriss man mir alle meine Fußnägel."

"Ich kann euch gar nicht sagen, was für Schmerzen das waren", betont Josef Aron. Trotz höllischer Schmerzen musste er am nächsten Tag weiterarbeiten. "Wenn ich in der Baracke geblieben wäre, wäre ich heute nicht hier", so schildert es der Zeitzeuge. Zu diesem Zeitpunkt war er gerade einmal sieben Jahre alt.

Doch dies waren noch lang nicht Arons grausamste Erfahrungen, denn es folgten noch weitere. Es sollte nur der Anfang des Terrors sein. Nach einigen Monaten wurde er bei dem morgendlichen Zählen von einem SS-Mann mit den Worten "Es ist nicht die Zeit für dich zu sterben, wir haben was mit dir vor" rausgezogen und man brachte ihn und weitere Kinder in ein Zimmer wo sie die Kinder nackt aufhängten und qualvoll mit Peitschen stundenlang schlugen. Über einen Zeitraum von drei Jahren wurden sie dort täglich von den Soldaten vergewaltigt. "Während die anderen Kinder verbluteten, wusste auch ich nicht mehr, ob ich noch lebe oder tot bin", berichtet Aron. Mit zehn Jahren wog ich gerade einmal elf Kilo. Nur der Glaube an Gott hielt mich am Leben", erzählte Aron. Dieser Überlebenswille hat ihn am Leben gehalten.

1945, zum Ende des Krieges, wurde Josef Aron von britischen Soldaten befreit und nach Genf in ein Spital gebracht. Aron berichtet: "Sie brauchten ein Jahr um mich wieder aufzubauen. Ich war total verängstigt und fing sofort an zu schreien, sobald man mich anfasste. Auch konnte ich mich an nichts mehr erinnern, nicht einmal an die Existenz meiner Geschwister. Es war wie ausgelöscht."

Das Rote Kreuz brachte ihn dann nach Basel, wo ihn eine jüdische Familie adoptierte und ihm ein willkommenes Zuhause bot. Trotz bestem Bemühen gelang es ihm nicht, über sein Trauma hinwegzukommen, weshalb er sich aus Angst vor anderen verschloss. Später berichtete man ihm, dass man seine Schwester und den Bruder gefunden habe und diese ebenfalls in Basel untergebracht seien.

Da die Schweiz keine Flüchtlinge mehr wollte, wurden Aron und seine Geschwister durch das Rote Kreuz nach Holland in ein Kinderheim gebracht. Ein Jahr später wurde das Kinderheim aufgelöst und die Kinder wurden nach Palästina - das heutige Israel - gebracht. Dort wurden sie in verschiedene Kinderheimen verteilt und lebten bis Mitte der 1950er dort. Dann musste Aron nach Jerusalem um dort arbeiten zu gehen. Doch ohne erlernten Beruf sollte sich dies als schwierige Herausforderung herausstellen. Als ihn dann auch noch sein Bruder verließ und zum Militär ging, musste er lernen auf eigenen Beinen zu stehen. Ohne Geld schlief er Monate lange im Park und lebte von Überresten in Mülleimern.

Eines Morgens weckt ihn ein Mann. Dieser Herr namens Rubinstein, ebenfalls deutscher Jude, nahm ihn bei sich auf und verschaffte ihm schlussendlich einen Job in einem Café. Dieses Ereignis war für Aron sehr prägend. Während der Besitzer des Cafés sich zunächst bedenklich zurückzog, begab sich Josef in eine Ecke, weinte, sprach dann zu Gott: "Zeig mir, was ich tun soll. Gib mir ein Zeichen. Plötzlich fühlte es sich an, als würde ein Blitz meine Körper durchqueren. Dann war alles ruhig. Auf einmal merkte ich, dass jemand mir die Hand auf die Schulter legte und sprach: Die Welt ist offen für dich. Du brauchst keine Angst mehr haben. Ich bin bei dir. Von diesem Moment an, hatte ich keine Angst mehr. Gott gab mir das Schreiben, Lesen, die Fähigkeit zur Interaktion mit Menschen sowie das Sprechen von sechs Sprachen, was ich zuvor alles nicht konnte. Damit erhielt ich meinen Job in diesem Café."

Nach eineinhalb Jahren wollte er zurück nach Deutschland und fuhr nach Frankfurt am Main. Er suchte dort sein Elternhaus auf. Ein altes Haus in einer Nebenstraße zog ihn in seinen Bann. Dort traf er auf eine Frau, die ihn sofort erkannte und ihm Bilder von seiner Familie gab. "Das erste Mal sehe ich meine Mutter. Ich hatte vergessen, wie sie aussah. Eine wunderschöne Frau", berichtet Aron. In Frankfurt arbeitete er als Kellner in einem Café. Nach ein paar Monaten ging er wieder zurück nach Jerusalem. In einer deutschen Zeitung sah er eine Annonce eines jüdischen Hotels in der Schweiz, welches einen jüdischer Kellner suchte. Kurze Zeit später bekam er die Stelle und arbeitete in Grindelwald über zehn Jahre, bis der Besitzer verstarb. Danach kehrte er nach Jerusalem zurück und arbeitete bis zu seinem Ruhestand im "Café Max".

Um den Schülern hautnahe Einblicke zu bieten, werden Bilder gezeigt, die Josef Aron bei der Arbeit zeigen. Josef Aron hat Deutschland vergeben. Auch wenn er viele Jahre nicht über seine Erlebnisse reden konnte, so überzeugte ihn eine Bekannte, die für das Fernsehen arbeitete, darüber zu reden. Aron wirkte bis zu diesem Zeitpunkt sehr verschlossen, ging lediglich arbeiten. Diese Bekannte überzeugte ihn mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen.

In einer anschließenden Rede einer holländischen Mitarbeiterin der Internationalen Christlichen Botschaft Jerusalem wird nochmals deutlich, dass wir die letzte Generation sind, die die Möglichkeit hat, einen Zeitzeugen wie Josef Aron zu treffen - wir, die Generation, die eindeutig zu viel Zeit im Social Web verbringt und sich zu wenig mit der Weltgeschichte befasst. Es ist höchste Zeit, sich mit unserer Vergangenheit auseinanderzusetzen und zu erkennen, dass wir zusammen Tag täglich für eine bessere Welt sorgen sollten. Schließlich müssen wir uns dessen bewusst sein, dass der Holocaust kein einmaliges Erlebnis bleiben muss. Der Hass, der die Welt auch heute noch prägt, könnte immer wieder zuschlagen. Darum liegt es in unserer Hand, was wir aus unserer Zukunft machen.

Josef Aron, der auch auf viele Fragen von Schülern und Lehrern eingeht, schließt am Ende mit den Worten, dass er sich für sein Heimatland Frieden zwischen den Religionen wünscht. Für viele, die das Glück hatten, am 1. Februar in Raum 217 zu sein, war dieser Vortrag eine einschneidende Erfahrung, denn sie verkörpert die unvorstellbare Grausamkeit des Holocausts und regt zum Nachdenken an. Josef Aron wird als ehrenhaftes Vorbild den Anwesenden immer im Gedächtnis bleiben.

 

Kristina Mastalica, Selina Hahn (Text, S13/4) und Steffen Straube-Kögler (Fotos)   

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