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"Ich bin halbseitig spastisch gelähmt": Gewaltprävention mit Prügelopfer Christoph Rickels

Eigentlich hätten wir, eine Berufsfachschulklasse an der Mildred-Scheel-Schule, wie jeden Dienstag in den letzten zwei Stunden Mathe gehabt. Auf dem Vertretungsplan stand: "Vertretung bei Rickels". Wir alle dachten zuerst, dass unsere Mathelehrerin ausfällt, weil sie krank ist, aber so war es nicht. Schon der erste Blick ins Klassenzimmer sagte uns, dass etwas anders war.

Zwei junge Männer waren bereits drinnen und schauten sich etwas an. Der eine saß in einem Rollstuhl, und der andere sah eher wie ein Lehrer aus. Zuerst nahmen wir an, dass die beiden gut aussehenden Herren vom vorherigen Unterricht in diesem Raum waren und sich jetzt nur noch kurz etwas anschauen und dann gehen. Nein, so war es nicht. Frau Sindlinger, eine unserer Sozialarbeiterinnen in unserer Schule, kam ebenfalls zu uns und begann ein Gespräch mit den beiden. In dem Moment fiel uns auf, dass beide eine Behinderung haben.

Als alle da waren, fingen sie an sich vorzustellen. Wir freuten uns darauf, da wir dann wussten, dass wir zwei interessante Stunden mit zwei gut aussehenden Männern haben dürfen. Der erste Satz von Christoph Rickels ließ uns zuerst einmal schweigen: "Ich wurde verprügelt. Deswegen bin ich der Krüppel, den ihr jetzt hier seht und hört. Ich lag vier Monate im Koma. Ich bin halbseitig spastisch gelähmt." 

Mit diesen Worten, die für uns in der Klasse ziemlich wuchtig rüber kamen, versuchte Christoph uns Jugendlichen das Thema Gewalt vor Augen zu führen. Man denkt erstmals gar nicht genau darüber nach, was der Grund für seine Sprachbehinderung war, die man am Anfang der Stunde wahrgenommen hatte. Er und sein Manager möchten uns zeigen und vor allem die Augen öffnen, wie schnell dein Leben einen Wendepunkt erreicht. Die Geschichte, die Christoph uns während seiner Präsentation über sich und sein früheres Leben vortrug, ist mehr als nur eine Welle, die Emotionen ausgelöst hat. Sie verdeutlichte uns stark, wie wertvoll Leben ist, und dass ein einziger Schlag, sei es wegen Eifersucht oder sonst irgendeinem Grund, das Leben aufs Spiel setzen kann. 

Meine Mitschülerinnen und Mitschüler machten sich noch nach einer Woche darüber Gedanken und fanden es toll, wie offen Christoph über sein Schicksal mit uns sprach. Und auch der erste Eindruck von uns Mädels war: sexy, gut aussehend und vor allem einfach normal. Wir waren berührt von seinem Schicksal und auch während seinem offenen Vortrag mussten wir unsere Tränen zurückhalten: Keiner von uns wollte Mitleid zeigen. Denn das ist nicht der Grund, warum Christoph da war, sondern um uns Schülern vor Gewalt zu warnen und sich damit auseinanderzusetzen, da er nicht will, dass jemand dasselbe Schicksal erleiden soll wie er. Sein Beitrag ist Teil des Projekts "Gewalt erkennen – Schüler stärken". Und sein Projekt "first togetherness" hat zum Ziel, dass wir entscheiden, wenn wir zusammen halten und nicht als der "big King" den Harten spielen, der doch auch irgendwo ein Weichei ist und "nichts in der Hose hat". Man erlebt es leider viel zu selten, dass Menschen bei solchen Situationen wie Gewalt eingreifen, da sie Angst haben, dass sie es selber treffen kann. Aber sich mal darüber Gedanken zu machen, was passiert wäre, wenn... - darüber macht man sich erst immer hinterher Gedanken. Genau das ist meistens der Punkt, bei dem man sagen kann: "Hättest du doch lieber gleich richtig gehandelt, dann wäre es womöglich niemals dazu gekommen."

Das sind Worte, die einen darüber nachdenken lassen. Meine Klasse dachte auch darüber nach, ob nicht auch das Mädchen, das in der Disco damals von Christoph angesprochen wurde, an der Sache Schuld haben könnte. Wir sind stolz auf das, was Christoph alleine auf die Beine gestellt hat. Er zeigte uns, wie er von einem Profi trainiert wurde, seine Muskeln wieder aufzubauen. Und schade ist es, dass man leider durch solche Schicksalsschläge erst erkennt, wer seine wahren Freunde sind. 

Wir bedanken uns herzlich bei Christoph, der uns wahrhaftig die Augen geöffnet hat. Ich denke, keiner in meiner Klasse ist nicht nachdenklich und wachgerüttelt nach Hause gefahren. Manchmal wäre es schön, wenn man ohne solche Schicksalsschläge das Leben so sehen könnte, wie ein Blinder es sehen würde, denn selbst die sehen mehr im Leben als wir.

Elena D.

Bilder: 

  • Christoph Rickels berichtete zuerst über sein eigenes Schicksal - ausgehend von einer Prügelattacke in einer Disco.
  • Darüber hinaus zeigte er der Klasse, wie wertvoll Leben ist.
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